Mein Kopf, meine Regeln

Ich dachte immer, es sei das Normalste auf der Welt, dass ich mir selbst aussuche, wie ich mich im Alltag kleide. Es erscheint uns so selbstverständlich, dass sich niemand in eine scheinbar belanglose Frage, wie der Wahl der eigenen Kleidung, einmischt. Vor fünf Jahren hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich mich irgendwann einmal damit konfrontiert sehen muss, dass die Entscheidung, was ich in der Öffentlichkeit trage , zu einer Angelegenheit werden würde, die anderen Leuten Anlass bietet, sich Entscheidungsbefugnisse herauzusnehmen, die ihnen nicht zustehen.

Den Anstoß hierzu gaben vergangene Woche einige Herren beim Kurier – Leute, die ich nicht einmal persönlich kenne, die mir aber vorschreiben wollen, wo die Grenze meiner Bekleidung anfangen darf und wo sie enden muss. Es sind diese wildfremden Männer, die nichts Besseres zu tun haben, als in ihrem Elfenbeinturm zu hocken und andere zu schikanieren, die mir und anderen Frauen in diesem Land, das Leben erschweren und bereit sind, mich in meinen Rechten und meiner Existenzgrundlage zu gefährden, nur weil sie sehen, dass sie in der steigenden Athmosphäre der Angst vor dem vermeintlich „Anderen“, im Politzirkus damit punkten können.

Ja, vor fünf Jahren habe ich noch nicht den Hijab getragen. Irgendwann habe ich mich wohl dagegen entschieden, dem spirituellen Analphabetismus meiner Zeit zu frönen und habe begonnen, den Islam zu praktizieren. Ich sage nur: Best choice ever. Alhamdulillah. Jedes Feindbild und jedes Klischee ist eben nur so „gut“, wie es auch der Anlass dafür ist, dass man Dinge hinterfragt. Seither weiß ich auch, was es bedeutet, ein sinnerfülltes, glückliches Leben zu führen. Da mir die geistige Ideenwelt dieser Religion mittlerweile angewachsen ist wie eine zweite Haut, gibt es für mich keine Alternative mehr, als weiter von der islamischen Praxis, den Geboten und der Gedankenwelt zu zehren. Ich gedenke auch nicht, mich für irgendjemanden selbst zu verleugnen, nur weil ein gesellschaftlicher Rechtsdruck gerade wieder in Mode gekommen ist.

Es gibt einen, nicht unbedeutenden Vorteil, den man als Hijab-Trägerin hat, der gleichzeitig auch einen immensen Nachteil darstellt: Es sind die tiefen Einblicke in herrschende Missstände unserer Gesellschaft, die der Umstand, selbst jeden Tag auf so vielen Ebenen von Unrecht betroffen zu sein, mit sich zieht. Folglich lernt man, Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Dazu gehört etwa die Tatsache, dass das unantastbare Anrecht auf den weiblichen Körper hierzulande offensichtlich immer noch bei Männern und nicht bei uns Frauen selbst liegt. Denn sonst wären wir nicht konfrontiert mit derart widerlich geführten Debatten, wie der aktuellsten Diskussion zu Bekleidungsverboten für Musliminnen im öffentlichen Raum.

Wie erklärt man, dass die Forderung eines Eingriffs in unser Selbstbestimmungsrecht und unser Selbstbild,scheinbar eine so breite, stillschweigende Akzeptanz finden kann? Wieso fällt es kaum auf, dass dieser frauenverachtende Tobak, der jeden Tag die Zeitungen füllt, Erpressungsmittel sind, um uns gefügig zu machen. Nein ich werde mein Tuch nicht ablegen, dafür soll ich jetzt aus dem Arbeitsleben und der Gesellschaft ausgeschlossen werden?!

Ein kleiner Tipp am Rande: Wer Frauen die Kürze ihres Rockes oder die Länge ihrer Abaya vorschreiben will, versucht keine „Werte“ zu beschützen, sondern seine eigenen Interessen auf präpotente Art durchzusetzen – wohlgemerkt ohne jegliche Rücksicht darauf, was das für das Leben von Frauen bedeutet. Wir sehn ja, dass sich der vermeintliche Schutz von Frauenrechten, im politischen Rahmen wunderbar für Polarisierung eignet. Diese ist wiederum ein geeignetes und legitimes Mittel für die Machtansprüche Anstandslosen.

Der Gipfel, den die Scheinheiligkeit in dieser „Wertedebatte“ erreicht, ist der, dass bloße Schlagworte an die Stelle von gelebten Werten treten und langsam aber doch unsere Grundrechte untergraben. Während vom Schutz der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ oder „Freiheiten von Frauen“ die Rede ist, werden uns weiter Zugänge zum Arbeitsmarkt und zum öffentlichen Leben versperrt. Selbstbestimmung und Teilhabe wird zu verhindern versucht und die Leute auf der Straß attackieren und reißen uns mittlerweile täglich das Tuch vom Kopf. Sie meinen ja, sie müssten uns „befreien“. Bestärkung dafür, finden sie bei ihren gleichgesinnten, Gewalt nicht offen praktizierenden, jedoch nicht weniger agressiven, geistigen Brandstiftern wie Helmut Branststätter und co.
Und auch die Polizei und die Justiz zeigen sich machtlos, wenn es um Uebergriffe auf Musliminnen geht. Denn mehr als ein Achselzucken ist in den meisten Fällen nicht drin. Soviel zum Schutz von Frauenrechten und „Werten“.

N.J.

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